Sr. Mirjam Schmedler  und  Dr. Bertram Gangl vom Marienkrankenhaus Vorau
28. Oktober 2026

150 Jahre Marienkrankenhaus Vorau: Wie eine Bauerntochter im steirischen Joglland Pionierarbeit leistete

Heirat, auf dem elterlichen Hof bleiben oder als Magd in den Dienst gehen: Das waren die Möglichkeiten einer Bauerntochter im 19. Jahrhundert. Barbara Sicharter (1829–1905) ging einen anderen Weg: Sie gründete ein Krankenhaus. 150 Jahre später ist das Marienkrankenhaus Vorau ein unverzichtbarer Teil der medizinischen Versorgung in der Oststeiermark. Im Podcast „Lebenswerk“ der Ordensspitäler Österreichs sprechen Generaloberin Sr. Mirjam Schmedler von den Vorauer Marienschwestern und Geschäftsführer Dr. Bertram Gangl über die Gründerin, die Bedeutung des Hauses für die ländliche Region und den Leitsatz, der bis heute gilt.

 

„Man kann sich das heute kaum vorstellen: Eine Frau aus ärmlichen Verhältnissen gründet ein Spital. Ohne gesicherte Finanzierung und hauptsächlich auf Spenden angewiesen. Das war revolutionär“, sagt Dr. Bertram Gangl.

 

Erstes Gruppenfoto der Gemeinschaft 1890

Erstes Gruppenfoto der Gemeinschaft 1890 (c) Kongregation


Wer auf die 150-jährige Geschichte des Marienkrankenhauses Vorau im oststeirischen Joglland blickt, taucht in die Lebensgeschichte von Barbara Sicharter ein. Ihr Wirken prägt das Haus bis heute. Die Initialzündung für ihren außergewöhnlichen Weg war eine schwere Erkrankung. „Dadurch bekam sie eine Ahnung von der Hilflosigkeit der Kranken, und in ihr wuchs der Wunsch, ein Leben ungeteilter Hingabe an Gott zu leben. Nicht als Missionarin in fernen Ländern, sondern mitten in ihrer Heimat“, erzählt Generaloberin Sr. Mirjam Schmedler.

 

Ein mutiger und steiniger Weg

Ihr geistlicher Begleiter, Chorherr Karl Engelhofer, bezeichnete den Gedanken eines gemeinsamen geistlichen Lebens junger Frauen als töricht. Drei Jahre lang musste Barbara Sicharter auf die Erlaubnis warten. 1865 zog sie gemeinsam mit ihrer Freundin Agnes Wasserbauer in das Tonihäusl in Vorau, ein leerstehendes ehemaliges Gasthaus.


„Anfangs hatten die Frauen nicht einmal Betten und schliefen auf dem Boden“, erzählt Generaloberin Sr. Mirjam Schmedler. Der Grundstein für die Krankenpflege wurde gelegt, als eine kranke Frau die Schwestern um Aufnahme und Pflege bat. „Bald wurden die Schwestern auch zu Kranken nach Hause gerufen, oft mit Wegzeiten von bis zu sechs Stunden. Bezahlt wurde meist nur mit Naturalien, zu ganz armen Familien brachten die Schwestern sogar Lebensmittel mit. Damit schuf Barbara Sicharter eine erste Struktur in der Versorgung von Kranken und Notleidenden im Joglland“, schildert Sr. Mirjam Schmedler. 1876 erteilte die Bezirkshauptmannschaft Hartberg die Bewilligung zum Betrieb eines Krankenhauses.

 

Mutter Barbara Sicharter

Mutter Barbara Sicharter (1829–1905) - Gründerin des Krankenhauses. (c) Kongregation

 

Unverzichtbar für die Region

Das Marienkrankenhaus Vorau betreut jährlich rund 5.700 stationäre und 20.000 ambulante Patientinnen und Patienten und führt rund 1.800 Operationen durch. Rund 350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind hier beschäftigt. Das traditionsreiche Ordensspital ist für die Akutversorgung im Joglland zuständig und verfügt über 112 Betten.


„Wir befinden uns in Vorau nicht nur in einer ländlichen, sondern auch in einer durchaus bergigen Region. Da spielt die Zeit bis zur nächsten ärztlichen Versorgung eine große Rolle. Wenn Sie Schmerzen haben, ist jede Minute, die Sie länger zur nächsten Versorgung fahren müssen, eine Minute zu lang“, so Dr. Bertram Gangl.

 

Krankenhaus 1932 Krankenhaus heute

Das Marienkrankenhaus Vorau damals (1932) und heute. (c) Kongregation und Bernhard Bergmann

 

„Zum Heil und Trost der Kranken“: Krankenhausseelsorge als wichtiger Bestandteil

Bis vor 40 Jahren waren im Marienkrankenhaus Vorau ausschließlich diplomierte Ordensschwestern in der Pflege tätig. „Im Jubiläumsjahr 1965, als unsere Kongregation ihr hundertjähriges Bestehen feierte, erreichten wir mit über 100 Schwestern unseren Mitgliederhöchststand. Danach gingen die Berufungen stark zurück, sodass die Pflege schließlich nicht mehr von den Ordensschwestern selbst geleistet werden konnte“, erzählt Sr. Mirjam Schmedler.

 

Die Krankenhausseelsorge hat jedoch bis heute einen wichtigen Platz. „Sie ist ein bleibendes Erbe unserer Gründerin. Das Seelsorgeteam kümmert sich um das seelische Wohl der Patientinnen und Patienten, gemäß unserem Grundsatz ‚Zum Heil und Trost der Kranken‘“, so Sr. Mirjam Schmedler. Heute wirken in der Kongregation der Schwestern von der Unbefleckten Empfängnis 23 Schwestern. Das Mutterhaus als einzige Niederlassung liegt in Vorau, direkt angrenzend an das Krankenhaus.

 

Grünbeten in Vorau 1961

Österliches „Greanbet’n“  (Grünbeten) in Vorau 1961: Bepackt mit Weihwasser bitten die Schwestern um Gottes Segen für eine gute Ernte, für die Felder, Wiesen und Wälder in der Region und darüber hinaus (c) Kongregation

 

Wie gelingt es, den Geist der Gründerin mit den Anforderungen eines modernen Krankenhausbetriebs zu verbinden? „Der besondere Zugang zu den Menschen erfolgt heute wie auch damals durch die Menschen selbst, nämlich durch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, sagt Dr. Bertram Gangl. „Wir erhalten oft die Rückmeldung, dass es bei uns anders ist, dass man besonders behandelt wird.“

 

„Wir bemühen uns, das Lebenswerk unserer Gründerin, das uns als kostbares Erbe anvertraut ist, gut in die Zukunft zu führen“, ergänzt Generaloberin Sr. Mirjam Schmedler. „Und wir hoffen, dass ihr Beispiel noch viele begeistert und dazu anspornt, in ihre Fußstapfen zu treten. Denn ein solches Leben lohnt sich.“

 

Den Podcast „Lebenswerk“ der Ordensspitäler Österreichs finden Sie auf allen gängigen Plattformen und auf www.ordensspitaeler.at/podcast.

 

Operationssaal 1953

Operationssaal im Marienkrankenhaus Vorau 1953. (c) Kongregation

 

Ordensspitäler Österreichs

Die 23 Ordensspitäler Österreichs betreuen jährlich rund zwei Millionen Patientinnen und Patienten und stellen damit eine bedeutende Säule des österreichischen Gesundheitswesens dar. Bundesweit steht jedes fünfte Spitalsbett in einem Ordenskrankenhaus. In absoluten Zahlen sind es etwa 7.100 Betten. Über 200.000 Patientinnen und Patienten werden jährlich operiert. Mit rund 20.000 Mitarbeitenden sind die Ordensspitäler ein wichtiger Arbeitgeber.

 


 

Downloads:

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Vorauer Marienschwestern 

 

[renate magerl]