150 Jahre Marienkrankenhaus Vorau: Wie eine Bauerntochter im steirischen Joglland Pionierarbeit leistete
„Man kann sich das heute kaum vorstellen: Eine Frau aus ärmlichen Verhältnissen gründet ein Spital. Ohne gesicherte Finanzierung und hauptsächlich auf Spenden angewiesen. Das war revolutionär“, sagt Dr. Bertram Gangl.

Erstes Gruppenfoto der Gemeinschaft 1890 (c) Kongregation
Wer auf die 150-jährige Geschichte des Marienkrankenhauses Vorau im oststeirischen Joglland blickt, taucht in die Lebensgeschichte von Barbara Sicharter ein. Ihr Wirken prägt das Haus bis heute. Die Initialzündung für ihren außergewöhnlichen Weg war eine schwere Erkrankung. „Dadurch bekam sie eine Ahnung von der Hilflosigkeit der Kranken, und in ihr wuchs der Wunsch, ein Leben ungeteilter Hingabe an Gott zu leben. Nicht als Missionarin in fernen Ländern, sondern mitten in ihrer Heimat“, erzählt Generaloberin Sr. Mirjam Schmedler.
Ein mutiger und steiniger Weg
Ihr geistlicher Begleiter, Chorherr Karl Engelhofer, bezeichnete den Gedanken eines gemeinsamen geistlichen Lebens junger Frauen als töricht. Drei Jahre lang musste Barbara Sicharter auf die Erlaubnis warten. 1865 zog sie gemeinsam mit ihrer Freundin Agnes Wasserbauer in das Tonihäusl in Vorau, ein leerstehendes ehemaliges Gasthaus.
„Anfangs hatten die Frauen nicht einmal Betten und schliefen auf dem Boden“, erzählt Generaloberin Sr. Mirjam Schmedler. Der Grundstein für die Krankenpflege wurde gelegt, als eine kranke Frau die Schwestern um Aufnahme und Pflege bat. „Bald wurden die Schwestern auch zu Kranken nach Hause gerufen, oft mit Wegzeiten von bis zu sechs Stunden. Bezahlt wurde meist nur mit Naturalien, zu ganz armen Familien brachten die Schwestern sogar Lebensmittel mit. Damit schuf Barbara Sicharter eine erste Struktur in der Versorgung von Kranken und Notleidenden im Joglland“, schildert Sr. Mirjam Schmedler. 1876 erteilte die Bezirkshauptmannschaft Hartberg die Bewilligung zum Betrieb eines Krankenhauses.

Mutter Barbara Sicharter (1829–1905) - Gründerin des Krankenhauses. (c) Kongregation
Unverzichtbar für die Region
Das Marienkrankenhaus Vorau betreut jährlich rund 5.700 stationäre und 20.000 ambulante Patientinnen und Patienten und führt rund 1.800 Operationen durch. Rund 350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind hier beschäftigt. Das traditionsreiche Ordensspital ist für die Akutversorgung im Joglland zuständig und verfügt über 112 Betten.
„Wir befinden uns in Vorau nicht nur in einer ländlichen, sondern auch in einer durchaus bergigen Region. Da spielt die Zeit bis zur nächsten ärztlichen Versorgung eine große Rolle. Wenn Sie Schmerzen haben, ist jede Minute, die Sie länger zur nächsten Versorgung fahren müssen, eine Minute zu lang“, so Dr. Bertram Gangl.

Das Marienkrankenhaus Vorau damals (1932) und heute. (c) Kongregation und Bernhard Bergmann
„Zum Heil und Trost der Kranken“: Krankenhausseelsorge als wichtiger Bestandteil
Bis vor 40 Jahren waren im Marienkrankenhaus Vorau ausschließlich diplomierte Ordensschwestern in der Pflege tätig. „Im Jubiläumsjahr 1965, als unsere Kongregation ihr hundertjähriges Bestehen feierte, erreichten wir mit über 100 Schwestern unseren Mitgliederhöchststand. Danach gingen die Berufungen stark zurück, sodass die Pflege schließlich nicht mehr von den Ordensschwestern selbst geleistet werden konnte“, erzählt Sr. Mirjam Schmedler.
Die Krankenhausseelsorge hat jedoch bis heute einen wichtigen Platz. „Sie ist ein bleibendes Erbe unserer Gründerin. Das Seelsorgeteam kümmert sich um das seelische Wohl der Patientinnen und Patienten, gemäß unserem Grundsatz ‚Zum Heil und Trost der Kranken‘“, so Sr. Mirjam Schmedler. Heute wirken in der Kongregation der Schwestern von der Unbefleckten Empfängnis 23 Schwestern. Das Mutterhaus als einzige Niederlassung liegt in Vorau, direkt angrenzend an das Krankenhaus.

Österliches „Greanbet’n“ (Grünbeten) in Vorau 1961: Bepackt mit Weihwasser bitten die Schwestern um Gottes Segen für eine gute Ernte, für die Felder, Wiesen und Wälder in der Region und darüber hinaus (c) Kongregation
Wie gelingt es, den Geist der Gründerin mit den Anforderungen eines modernen Krankenhausbetriebs zu verbinden? „Der besondere Zugang zu den Menschen erfolgt heute wie auch damals durch die Menschen selbst, nämlich durch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, sagt Dr. Bertram Gangl. „Wir erhalten oft die Rückmeldung, dass es bei uns anders ist, dass man besonders behandelt wird.“
„Wir bemühen uns, das Lebenswerk unserer Gründerin, das uns als kostbares Erbe anvertraut ist, gut in die Zukunft zu führen“, ergänzt Generaloberin Sr. Mirjam Schmedler. „Und wir hoffen, dass ihr Beispiel noch viele begeistert und dazu anspornt, in ihre Fußstapfen zu treten. Denn ein solches Leben lohnt sich.“
Den Podcast „Lebenswerk“ der Ordensspitäler Österreichs finden Sie auf allen gängigen Plattformen und auf www.ordensspitaeler.at/podcast.

Operationssaal im Marienkrankenhaus Vorau 1953. (c) Kongregation
Ordensspitäler Österreichs
Die 23 Ordensspitäler Österreichs betreuen jährlich rund zwei Millionen Patientinnen und Patienten und stellen damit eine bedeutende Säule des österreichischen Gesundheitswesens dar. Bundesweit steht jedes fünfte Spitalsbett in einem Ordenskrankenhaus. In absoluten Zahlen sind es etwa 7.100 Betten. Über 200.000 Patientinnen und Patienten werden jährlich operiert. Mit rund 20.000 Mitarbeitenden sind die Ordensspitäler ein wichtiger Arbeitgeber.
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[renate magerl]