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17. Oktober 2019

Das Krankenhaus als Spiegel der Gesellschaft

„Arbeitsprozesse sind optimierbar, Menschen nicht!“ lautete das Motto am 17. internationalen Kongress der Oö. Ordensspitäler am 16. Oktober im Linzer Design Center. Grußworte sprachen Landeshauptmann Thomas Stelzer, Sr. Barbara Lehner, Generaloberin der Elisabethinen und Bischofsvikar Johann Hintermaier.

 

Arbeitsprozesse sind optimierbar, Menschen nicht! – Das Krankenhaus als Spiegel der Gesellschaft am Oberösterreichischen Ordensspitäler Kongress 2019 (c) Wolfgang Simlinger

 Die Themen der Vorträge waren:

  • Dr. Bernd Hufnagl
    „Arbeitsprozesse sind optimierbar, Menschen nicht! – Das Krankenhaus als Spiegel der Gesellschaft“
  • Prof. Dr. (TR) Dr. phil. et med. habil. Ilhan Ilkilic
    „Interkulturalität und Ethik im Krankenhaus“
  • Prof. Dr. Sr. Margareta Gruber OSF
    „Zusammenleben der Religionen – eine Utopie? Impulse aus dem Geist des heiligen Franziskus von Assisi“
  • DGKS Mag. Aloisia Angermair, BSc
    „Menschen mit Demenz im Krankenhaus“
  • Prof. Diplom Kommunikationswirtin Corinna Mühlhausen
    „Selbstoptimierung in der Gesundheitswelt der Zukunft: Vom Hype zum gesellschaftlichen Megatrend“

 

 Bewusst machen wollte man allen TeilnehmerInnen am Kongress, dass die heutige Gesellschaft ist nicht mehr eindimensional zu sehen ist. Sie verändert sich stark, die Arbeitswelt ist fragmentiert, Bedürfnisse und Erwartungen werden andere. So haben sich auch jene der PatientInnen und MitarbeiterInnen geändert, genauso wie deren Wertorientierungen. „Die Gesellschaft spiegelt sich im Spital wie unter einem Brennglas wider. Das Spital spiegelt aber auch in die Gesellschaft zurück.“, fasst Bernd Hufnagel zusammen.

Multioption als Problem

Die Menschen von heute haben vielfach ein Multioptionsproblem, sie können aus unzähligen Möglichkeiten auswählen, das sei grundsätzlich gut, habe aber negative Begleiterscheinungen:
Der Mensch wird verunsichert, mit seinen Entscheidungen unzufrieden, sieht verstärkt das, was er nicht mag.

Hyperaktivität vs. Selbstoptimierungsdrang

Weiters sieht Hufnagl die digitalisierte Überflutung als weiteres Phänomen der modernen Gesellschaft. Sie reduziere die Aufmerksamkeit.
Hyperaktivität gepaart mit Egoismus und Aggressivität und Abnahme der Empathiefähigkeit seien die Folge.
Im Gegenzug nehme die Selbstoptimierung der Menschen zu. „Viel Geld wird ausgegeben, um gesund, fit, leistungsfähig und schön zu bleiben oder zu werden. Der wichtigste Treiber hinter der Selbstoptimierung ist erstaunlicherweise die Hoffnung auf Glück. 43 Prozent derer, die etwas für ihre Gesundheit tun, tun dies eigentlich, um glücklich zu sein. Hinter der zunehmenden Individualisierung des Menschen von heute steht aber die Sehnsucht nach dem Wir.“, erklärt der Hauptreferent diesen Drang.

Werte werden wieder wichtig, fast so wichtig wie die Qualität einer Leistung. Der ethische Konnex sei dabei entscheidend. Im deutschen Werteindex 2018 stehen auf den ersten drei Plätzen Natur, Gesundheit, Familie. Das Streben nach Erfolg verliere an Bedeutung.

Milieustudie

In einer neuen deutschen Milieuforschung wurden 28 verschiedene Zielgruppen (junge Aufstiegsorientierte, verantwortungsvolles Bürgertum, individualistisch progressive Performer) ermittelt, 15 dieser Milieumodelle kümmern sich explizit um Selbstoptimierung, sind also besonders spannend für das Gesundheitswesen. Trotz der Unterschiedlichkeit ihrer Erwartungen und Wünsche sei für alle eine Balance von Körper, Geist, Seele, Zufriedenheit und glücklich sein außerordentlich wichtig. Dabei sei der wichtigste Vertraute und Ansprechpartner in allen Gesundheitsfragen der Arzt, 70 Prozent vertrauen ihm, Tendenz steigend, „Dr. Google“ nur 8 Prozent.

Krankenhaus als Wohlfühlraum

Die Sehnsucht nach Ruhe, Muße, nach Ruheräumen, Auszeiten und mehr Zeit für sich nimmt zu. Für den Einzelnen gelingt das, wenn er Abstand gewinnt, wenn er „ineffizient“ sein kann, sinnieren kann (nicht grübeln!) und eine Außenperspektive auf sein Leben bekommt. Jeder Mensch braucht „Belohnungsmomente“, er will unmittelbar erkennen, was er geleistet hat. Das Krankenhaus als Organisation sollte dem entsprechen.  Es sollte Arbeitswelten ermöglichen, aus denen die MitarbeiterInnen zufrieden nach Hause gehen können. Ärzte und Pflegende müssen zu sich finden, um besser bei den anderen sein zu können, zuhören können, statt nur anzuhören. Der Mensch, der nur noch funktioniert, verliert die gerade für den Umgang mit PatientInnen so entscheidend wichtige Empathie. Das Gesundheitswesen und die dort Beschäftigten müssen aber auch verstärkt eingehen auf die verschiedenen Milieugruppen der PatientInnen, diese dürfen nicht stereotypisierend behandelt werden.

Ärzte müssen sich verstärkt bewusst werden, das ihnen entgegengebrachte Vertrauen zu rechtfertigen.

Gerade Ordensspitäler haben durch ihre besondere Wertorientierung und ihr christliches Fundament die Voraussetzung, Antworten auf die zunehmenden „neuen Sehnsüchte“ der Menschen zu geben.

Quelle: Wolfgang Marschall 

 

[mschauer]

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