„Wir müssen Kindern mit Entwicklungsstörungen früh Achtung verschaffen“
Thema des entwicklungsmedizinischen Kolloquiums war „Entwicklungsmedizin und -pädiatrie – Wege zur koordinierten Multidisziplinarität“. Dabei stand die Arbeitsweise der Sozialpädiatrischen Zentren in Deutschland im Mittelpunkt. Unter ärztlicher Leitung arbeiten dort Mediziner, Psychologen und Therapeuten eng zusammen, um die Versorgung der Patienten bestmöglich zu gewährleisten. Grundlage dafür ist ein 1989 verankertes Gesetz, das die Betreuung von Personen mit neurogenen Entwicklungsstörungen regelt. Erst dadurch konnten in Deutschland die notwendigen, strukturierten und flächendeckenden Diagnostik- und Betreuungsangebote zur koordinierten Begleitung für die rund zehn Prozent Betroffenen und ihre Familien entwickelt werden. „Wir müssen auch die Angehörigen in die Behandlungsansätze miteinschließen und unterstützen. Die Familien sollen selbständig mit ihren Kindern zurechtkommen können“, weist Voss auf die Herausforderungen hin.
Die unter dem Begriff „koordinierte Multidisziplinarität“ zusammengefassten Grundsätze spiegeln sich auch im Begriff der Entwicklungsmedizin wieder, welche sich mit der Diagnose (Früherkennung), Therapie (Frühintervention) und Begleitung von Menschen mit neurogenen Entwicklungsstörungen beschäftigt und sich, fachlicher Grenzen ungeachtet, als Medizin über Lebensspannen hinaus gestaltet.
Auch wenn in Deutschland bereits zahlreiche Sozialpädiatrische Zentren im ganzen Bundesgebiet bestehen, ist die Problemlage von Familien mit Kindern mit Entwicklungsauffälligkeiten noch immer nicht voll abgedeckt. Dass in Deutschland zur Zeit für Eltern mit Kindern, die an Entwicklungsstörungen leiden, eine Wartezeit von bis zu vier Monaten, bevor sie auf Hilfe hoffen können, als akzeptabel gilt, findet Prof. von Voss inakzeptabel. Er betonte die Notwendigkeit des Ausbaus der Kapazitäten und der Strukturen unter entsprechender gesetzlicher Verankerung.

Univ. Prof. em. Dr. med. Dr. h. c. Hubertus von Voss (ehemaliger Leiter des Kinderzentrums München und Gründer des Kindernetzwerks Deutschland) sowie Primar Priv.-Doz. Dr. Johannes Fellinger, Leiter des Instituts für Sinnes- und Sprachneurologie
Foto: © Barmherzige Brüder Linz
Die Situation in Österreich ist noch viel heterogener und die Wartezeiten sind inakzeptabel. Primar Fellinger wies darauf hin, dass auch in Oberösterreich die entwicklungsmedizinischen Bemühungen angesichts der bestehenden Wartezeiten stark ausbaubedürftig sind. Dabei könnten evidenzbasierte Programme der Frühintervention – in enger Anbindung an Diagnostik und Evaluation – einen erheblichen Vorteil für Betroffene und deren Familien und damit in letzter Konsequenz für die gesamte Bevölkerung bewirken, wie Langzeitverläufe beispielsweise bei Autismus zeigen.
Prof. von Voss ermutigte, in Österreich verstärkt konkrete, strukturierte und koordinierte Erweiterungsschritte in Richtung longitudinaler Versorgung der betroffenen Familien zu setzen und plädierte für eine Weitergabe von Wissen an Fachleute und Gesellschaft.