Dr. KI: Zwischen High-Tech, Sackgassen und dem Faktor Mensch
Darmkrebs ist eine Krebsart, die immer mehr Menschen und vor allem auch jüngere betrifft. Im St. Josef Krankenhaus Wien und im Ordensklinikum Linz unterstützt eine Künstliche Intelligenz dabei, kleinste Veränderungen frühzeitig zu erkennen. Das neue System ist in der Testphase und Teil eines Studienprojekts. „Achtung Krankenhauskeim“, heißt es in einem anderen Ordensspital: Dort schlägt ein KISystem Alarm, um nosokomiale Infektionen, wie es in der Fachsprache heißt, zu identifizieren. „Das System findet aus Patient:innendaten heraus, welche Patient:innen eine Infektion entwickeln könnten. Es ist eine Wahrscheinlichkeitsrechnung, die das System erstellt und dann warnt“, erzählt Johanna Rohrhofer im Podcast „Lebenswerk“.
Innovationstreiber mit Fokus auf Daten- und Prozessqualität
„Wir als Ordensspitäler sind Innovationstreiber und setzen KI systematisch ein“, so Rohrhofer. KI-Systeme funktionieren jedoch nur, wenn die Datenqualität und die Prozesse stimmen. „Das beste KI-System, das auf einen schlechten Prozess aufgestülpt ist, wird zu einem Mehraufwand und zu einer Unzufriedenheit führen. Wichtig ist es, unsere Mitarbeiter:innen gut abzuholen, wo sie KI einsetzen können, aber auch wo die Grenzen sind.“
Effizienz versus „AI-Slop“ im Arbeitsalltag
Die Erwartungen an Künstliche Intelligenz sind hoch, besonders wenn es um Entlastung und Effizienz geht. KI kann etwa Arztbriefe generieren oder bei komplexen Prozessen wie der OP-Planung und der Erstellung von Dienstplänen helfen. Auch in der Pflege wird die Technologie wirksam: „Ich habe mir ein intelligentes Pflegebett angeschaut, bei dem die Sensorik unterstützt, Werte zu erheben und direkt in die Dokumentation aufzunehmen. Das ist ein durchgehender Prozess“, so Rohrhofer. Zudem unterstützt KI in der Sturzprävention, indem sie kritische Bewegungsmuster erkennt. In der Diagnostik, insbesondere in der Bildgebung, sorgt der Einsatz von KI zudem für eine schnellere Befundung und hilft, Muster für seltene Krankheiten früher zu identifizieren.
„KI kann Zeit schenken. Spannend ist jedoch der Gegeneffekt, der in der Fachsprache ‚AISlop‘ heißt. Ein Beispiel: Früher erhielt man kurze, prägnante Antworten auf E-Mails. Heute unterstützt die KI beim Schreiben, und man bekommt sehr lange, aufgebauschte Texte. Sie sind zwar inhaltlich korrekt, hätten aber kürzer sein können. Plötzlich wird alles mehr und alles lang, hier müssen wir aufpassen“, weiß Johanna Rohrhofer.
Einblicke in die Praxis: Präzision im OP-Saal
Primar Dr. Christian Neumann, Leiter der Radiologie und Nuklearmedizin im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien, führt direkt in den klinischen Alltag. Die Radiologie ist prädestiniert für KI, da sie digital und standardisiert arbeitet. Dennoch widerspricht Neumann der Prognose von 2012, wonach Radiologen bald ersetzt würden: „Davon sind wir weit entfernt. Aber KI erhöht die Diagnosegenauigkeit und kann Dinge werten, die wir nicht gut erkennen können.“ Ein konkretes Beispiel ist das sogenannte System CAS-One IR, mit dem Dr. Neumann arbeitet und das bei tumorverdächtigen Herden an Leber, Niere oder Weichteilen millimetergenau punktiert und diese zerstört – mittels Hitze oder extremer Kälte. „Mit der dreidimensionalen Steuerung wird das massiv leichter. Das System hilft, gutes von bösem Gewebe abzugrenzen, berechnet den richtigen Winkel und die Stichtiefe“, so Neumann.
Wenn die KI „blind“ wird: Die menschliche Expertise zählt
Trotz der High-Tech-Unterstützung gibt es klare Grenzen, wie Neumann am Beispiel der Niere erläutert: „Nieren liegen sehr weich im Körper. Sobald man sie punktiert, verschiebt sich das Gewebe stark, und dann ist die KI blind. Sie findet nicht mehr den Herd, den wir identifiziert haben. In solchen Momenten lege ich die KI zur Seite und arbeite klassisch händisch weiter.“ Zudem bleibe die Frage der Verantwortung: „KI ist immer nur so stark wie die Basis, auf der sie trainiert wurde. Wer ist schuld, wenn eine Diagnose falsch ist, da manche Diagnosen atypisch sind?“
Ethik und die Gefahr der Datenverzerrung
Für Innovationsmanagerin Johanna Rohrhofer ist der Einsatz von KI untrennbar mit Ethik und Governance verbunden. Eine große Gefahr sieht sie in der Verzerrung der Daten: „Frauen, Menschen mit dunkler Haut oder ältere Personen sind in vielen klinischen Studien unterrepräsentiert. Das kann dazu führen, dass ein KI-System Symptome oder Risiken nicht richtig einordnet. KI reproduziert nur das, was in den Daten vorhanden ist.“ Eine Kernaufgabe sei es daher, Mitarbeiter:innen so zu schulen, dass sie Fehler erkennen. „Der Mensch tendiert nämlich dazu, der Technologie mehr zu vertrauen als der eigenen Intuition“, warnt Rohrhofer.
Wo der Mensch unersetzlich bleibt
Abschließend sind sich beide einig: KI liefert Entscheidungsgrundlagen, trifft aber keine eigenständigen Entscheidungen. Der Kern der Medizin bleibt menschlich. „KI wird den Kontakt nicht ersetzen können, wenn es um Empathie und um emotionale Intelligenz geht“, so Rohrhofer. Primar Dr. Neumann ergänzt: „Wenn Patient:innen einem verzweifelt in die Augen schauen und sagen: ‚Helfen Sie mir‘, dann sind wir da und hören zu. Ob das jemals ersetzbar sein wird? Ich hoffe nicht, das würde mein Weltbild stark in Zweifel ziehen.“
Den Podcast „Lebenswerk“ der Ordensspitäler Österreichs finden Sie auf allen gängigen Plattformen und unter diesem Link.
Ordensspitäler Österreichs
Die 23 Ordensspitäler Österreichs betreuen jährlich rund zwei Millionen Patientinnen und Patienten und stellen damit eine bedeutende Säule des österreichischen Gesundheitswesens dar. Bundesweit steht jedes fünfte Spitalsbett in einem Ordenskrankenhaus. In absoluten Zahlen sind es etwa 7.100 Betten. Über 200.000 Patientinnen und Patienten werden jährlich operiert. Mit rund 20.000 Mitarbeitenden sind die Ordensspitäler ein wichtiger Arbeitgeber.
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[renate magerl]